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Re: Ohrlöcher - wie es mit den Gefühlen weiterging
geschrieben von Markus am 13.01.2006 um 18:24:24 - als Antwort auf:
Ohrlöcher - wie es mit den Gefühlen weiterging von Gefühlsmensch
Vielen Dank für diese fantastische Geschichte! Wenn es nur mehr solche Beiträge geben würde!
Gibt es vielleicht noch eine weitere Folge?
>Also, so eine Aufteilung in „katholische Ohrringmädchen“ und – wie sollte man die nennen? – „evangelische Puritanermädchen“ konnte ich zu meinen Schulzeiten nicht ausmachen.
>Was meine Gefühle angeht zu den beschriebenen drei Situationen:
>Die Ohren mit den Flauschefädchen hätte ich wohl sehr gerne gestreichelt. Stellte ich mir irgendwie wie niedliche Kaninchen vor.
>Die Marienkäferohrringe fand ich nur grässlich. Marienkäfer gehören auf eine Blumenwiese, nicht an ein Ohr.
>Aber dieses dunkel lockende Löchlein… das war geheimnisvoll, aufregend, irgendwie irritierend, faszinierend…
>Ich glaube, wenn ich sicher gewesen wäre, dass ich mit solchen Löchlein – aber ohne dämliche Marienkäferohrrige – nicht so puppenhaft geworden wäre wie „Schneewittchen“, dann hätte ich gerne auch solche Löchlein gehabt.
>Die schaukelnden Ohrringe des ita. Mädchens waren irgendwie – krass.
>Sie war auch so „erwachsen“ damit.
>Und dann die Löcher – also nee, die waren wirklich grauenhaft!
>Keine hübschen kleinen runden Löchlein in glatten, zarten Mädchenohren, sondern ausgeleierte Striche, fast so wie in den faltigen „Ohrlappen“ irgendwelcher uralten Frauen, die man mit Grausen in der Stadt sah, der Ohrring nur noch von einem winzigen Fitzelchen Haut im geschlitzten Ohr gehalten.
>S o l c h e Löcher wollte ich keinesfalls haben!
>Hat mich auch für Jahre vom Wunsch nach Ohrlöchern abgehalten.
>Aber ungefähr in der sechsten Klasse, mittlerweile schrieb man die frühen achtziger Jahre, kam das Ohrlochstechen mit der Pistole auf.
>Nach und nach kamen einzelne Mädchen mit stolzgeschwellter Brust in die Schule und zeigten ihre krebsrot geschwollenen Ohrläppchen vor, in denen klumpig dicke „Nägel“ steckten an denen sie in der Folge unablässig herumdrehten.
>Es war faszinierend, wenn man direkt hinter so einem frisch gelochten Mädchen sah, und man sich davon überzeugen konnte, dass auch wirklich hinter dem Ohrläppchen auch was raus ragte.
>Denn im Gegensatz zu den Marienkäferohrringen und zu den Kreolen sieht man Steckern ja nicht auf den ersten Blick an, ob sie wirklich durchgesteckt – oder vielleicht nur aufgeklebt sind.
>Eines Nachmittags war ich in der Stadt bei einem Uhrmacher, um ein neues Armband für meine Uhr zu kaufen. Während ich am Tresen stand und mir die verschiedenen Armbänder ansah, kam eine Frau herein mit einem Mädchen, etwas jünger als ich, und verlangte, Ohrlöcher gestochen zu bekommen.
>Mir kroch es siedend heiß den Nacken hinauf und ich vertiefte mich in die Auswahl der Armbänder, schüttelte eifrig verneinend den Kopf, als die Verkäuferin freundlich fragte, ob ich schon fündig geworden sei. Also bat die Verkäuferin die Dame näher und fragte, wer denn die Ohrlöcher gestochen bekommen solle. Die Mutter bekam ganz rote Wangen, strich ihre kurzen dauergewellten Haare hinter die Ohren und präsentierte den üblichen Anblick dick und rot angeschwollener Ohren mit frisch gestochenen Steckern darin und meinte irgendwie ganz heiter: „Ich hab ja schon, und jetzt ist meine Tochter dran.“
>Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie das Mädchen auf einem Barhocker vor dem Tresen platziert wurde. Die Verkäuferin gab der Mutter die Anweisung, die Haare mit zwei kleinen Haarklemmen zurückzunehmen und dann malte sie mit spitzen Fingern einen dicken runden Punkt mitten auf jedes Ohrläppchen. Dann durfte die Mutter darauf schauen und gab zustimmende Laute von sich. Nun verschwand die Verkäuferin hinter dem Tresen und kam mit einem kleinen Dings in der Hand wieder zurück, hielt es dem Mädchen ans Ohr, vollführte eine Handbewegung und dann gab es ein durch Mark und Bein gehendes Klacken. Die Verkäuferin fummelte das Dings vom Ohr und im zartrosa aufleuchtenden Ohrläppchen des Mädchens funkelte ein silberner Stern mit einem blauen Stein.
>Noch ehe die Verkäuferin mit dem gemurmelten Hinweis von wegen „Nachladen“ wieder ganz hinter den Tresen gegangen war, stürmte ich schon kopflos zur Ladentüre hinaus. Kaum an der frischen Luft setzte das Denkvermögen wieder ein und ich schalt mich wegen meiner überstürzten Flucht. Welche günstige Gelegenheit hatte ich sausen lassen, statt hinaus zu eilen hätte ich doch wunderbar beobachten können, ob das Mädchen nach dieser erschreckenden Prozedur auch noch den zweiten Teil der Operation über sich ergehen ließ.
>Das kühl-geschäftsmäßige Prozedere und ganz besonders das Geräusch des Ohrlochschießens erschreckten mich ganz fürchterlich.
>In der Folge betrachtete ich die gelochten Ohren meiner Klassenkameradinnen mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu, bei der eindeutig die Abscheu überwog.
>Doch irgendwann ließ es mir einfach keine Ruhe.
>Ausgiebig betrachtete ich meine Ohren und fragte mich, wie sie wohl mit Löchern darin aussehen würden.
>Also fragte ich vorsichtig bei den bereits gelochten Klassenkameradinnen nach, wie sie die Prozedur erlebt hatten.
>Die hatten ja allesamt zwei Ohrlöcher – hübsch eines in jedem Ohrläppchen – was bedeutete, dass sie nach dem ersten Mal noch ein zweites Mal ihr Ohr hingehalten hatten. Die Mädchen waren alle ganz begeistert ob meiner Nachfrage. Nein, besonders weh habe es nicht getan, nur „gezwickt“, „geknallt“ oder „ordentlich gekniffen“. Und wie toll es sei, Ohrlöcher zu haben, denn wenn die endlos lange Zeit des Abheilens vorbei sei, könne man die „Chirurgenstecker“ herausnehmen und jeden Ohrring einsetzen, der einem gefalle. Sie wären auch schon mehrfach beim Juwelier gewesen und hätten sich von der großen Auswahl überzeugt, und die ein oder andere hatte auch schon ein besonderes Paar Ohrringe in der engeren Auswahl, die sie sich als „Belohnung“ nach dem endlosen Vierteljahr der Heilung besorgen wollte. Mit leuchtenden Augen schwärmten sie mir vor, und dann gaben sie mir den freundschaftlichen Rat, doch auch meine Eltern um Ohrlöcher zu bitten.
>Ich dachte lange darüber nach, ehe ich zu dem Entschluss kam, dass auch ich Ohrlöcher haben wollte. Keinesfalls darum, weil langsam aber sicher sämtliche Klassenkameradinnen und auch alle Mädchen aus den Parallelklassen stolz wie die Pfauen mit ihren „Gesundheitssteckern“ umherliefen und ich mich dem allgemeinen Trend unterordnen wollte. Nein, so was war nicht mein Ding.
>Doch die Vorstellung, solche Löcher in meinen eigenen Ohrläppchen zu haben, hatte etwas sehr faszinierendes an sich, dem ich mich nicht entziehen konnte. Vor allem, seit dem ich bei meiner besten Freundin Zeugin geworden war, wie sie endlich die Ausheilzeit überstanden hatte und die klobigen Erststecker entfernte um winzige silberne Kreolen einzuführen.
>Da erblickte ich zwei ganz wundersame, perfekt runde, tiefschwarze Abgründe von fast zwei Millimetern Durchmesser in ihren winzigen Ohrläppchen, durch die man den hellen Schein des Lichts fast erahnen konnte. Ich war vollends fasziniert, nur schade, dass diese phantastischen Löcher binnen weniger Stunden verschwanden und das Loch sich eng um den dünnen Stift der kleinen Silberringe schmiegte.
>Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Ohren erst dann vollständig seien, wenn auch sie durch dunkel lockende, tiefe Grübchen verziert wären.
>Nun war der Fall klar: Ich ging also zu meiner Mutter und bat sie, mir Ohrlöcher stechen zu lassen.
>Dass mein Vater dagegen war, hatte ich schon mitbekommen.
>„Ein deutsches Mädel tut so was nicht“, hatte er gesagt, als er mitbekommen hatte, dass die Tochter seines besten Freundes Ohrlöcher bekommen hatte.
>Aber auch meine Mutter war strikt dagegen.
>Nein.
>Ich war hartnäckig, fragte ein ums andere Mal.
>Nein. Nein. Und abermals N e i n.
>Ich gab nicht auf. Bettelte. Flehte.
>Nein.
>Ich war verzweifelt. Warum nicht? Warum nur?
>Irgendwann lief die Erklärung darauf hinaus, dass alle, die Ohrlöcher hatten, sich die Ohrläppchen durchstechen ließen, völlig krank im Kopf seien, sich selbst verstümmelten.
>Ein überkommener, primitiver Brauch, Ekel erregend, abstoßend und – gefährlich.
>Wenn dir das immer und immer wieder vorgebetet wird, fängst du es halb an zu glauben – nur schlimm, wenn du trotzdem, tief in dir drin an dem Irrglauben festhältst, dich durch Löcher in den Ohren perfektionieren zu können.
>Einige Jahre meiner Teeniezeit verbrachte ich damit, mir heimlich die Ohrläppchen mit allen möglichen spitzen Gegenständen zu durchstechen, nur um sie hinterher wieder mit großem Bedauern und noch viel größerer Scham über mein krankhaftes Verhalten wieder herauszuziehen.
>Beim ersten Mal bewaffnete mich an einem einsamen Nachmittag mit einer Handvoll Eiswürfel und Stecknadeln und schloss mich im Bad ein.
>Mein Herz pochte bis zum Hals, als ich mein rechtes Ohrläppchen mit je einem Eiswürfel vorne und hinten quasi in die Zange nahm. Ich wartete und wartete, bis ich die schmerzhafte Kälte nicht mehr spüren konnte, dann nahm ich die Eiswürfel weg und ergriff mutig eine Stecknadel.
>Mit zitternden Händen setzte ich sie in der Mitte meines Ohrläppchens an – und traute mich nicht.
>Wieder nahm ich Eiswürfel, diesmal betäubte ich das linke Ohr. Unter Aufbringung aller meiner Kräfte schaffte ich es gerade, die Spitze der Stecknadel in meine Haut zu drücken, dann verließ mich aller Mut.
>Ernüchtert zog ich die Nadel wieder heraus und beobachtete fasziniert den winzigen Blutstropfen, der aus der mikroskopisch kleinen Wunde drang.
>Einige Wochen später wagte ich einen zweiten Anlauf, wieder umsonst, dann einen dritten, vierten, fünften…
>Ich weiß nicht, wie lange ich damit verbrachte, mich „anzupieksen“, aber irgendwann, ich weiß nicht woran es lag, hatte ich mich derart an die Handlung gewöhnt oder waren meine Ohrläppchen durch das ständige Malträtieren abgestumpft genug geworden, irgendwann gelang es mir, eine Stecknadel komplett durch mein Ohrläppchen hindurch zu stoßen.
>Ich klappte mein Ohrläppchen um und bewunderte im Spiegel die Nadel, die aus seiner Rückseite herausragte, ich zog die Stecknadel an der Spitze und am Kopf ganz vorsichtig nach unten und genoss das warme Gefühl, das über mich kam.
>Ohne vorherige Betäubung durch Kühlen durchstach ich mir nun mein auch mein anderes Ohrläppchen. Ich war so schwungvoll, dass ich mir die Spitze der Stecknadel unweigerlich in den Daumen rammte. Autsch. D a s tat weh.
>Aber das Ohr? Keine Spur!
>Ich bestaunte meine Ohren gebührend und schwebte wie auf einer Wolke, bis mir klar wurde, dass ich überhaupt keine Ohrringe hatte, die ich in die endlich entstandenen Löcher einsetzen konnte.
>Also zog ich mir bekümmert die Stecknadeln wieder heraus und übertünchte die nun überhaupt nicht mehr beeindruckenden Löchlein dick mit Abdeckcreme meiner Mutter.
>Nun ist gut, dachte ich mir. Nun hast du Löcher in den Ohren gehabt. Du hast es ausprobiert. Jetzt ist der Wunsch vorbei.
>Falsch gedacht. Einige wenige Wochen konnte ich mich selbst damit beruhigen, doch dann wurde der Wunsch wieder übermächtig, und wieder vollzog ich mein Ritual im Badezimmer…
>Und wieder und wieder und wieder.
>Irgendwann bekam ich den Drang unter Kontrolle, bestimmt auch beeinflusst durch die ständige Belehrung durch meine Mutter, wie krank das Ohrlochstechen doch sei.
>Es gelang mir sogar, mir ihre Haltung anzueignen und als meine eigene Überzeugung zu verteidigen, wenn ich darauf angesprochen wurde, warum ich keine Ohrringe trug.
>Als ich mich nach etlichen Jahren endlich emotional von meinen Eltern gelöst hatte, und begann, mein Leben nach meinen eigenen Wertvorstellungen zu gestalten, überhaupt erst mal eigene Wertvorstellungen zu entwickeln, da kam dann irgendwann, als Abschluss der Entwicklung auch die Frage nach den Ohrlöchern wieder hoch.
>Irgendwie ist es doch voll krank, Menschen mit Ohrlöchern als krank zu bezeichnen.
>Dann wären ja – wie ich kürzlich gelesen habe – 90 % aller Frauen zwischen 18 und 60 Jahren krank!!
>Und ich weiß nicht wie viele Prozent der Männer.
>Ich weiß, man wirft unserer Gesellschaft viel vor – aber das?
>Wieso sollte es krank sein, wenn ein erwachsener Mensch seinen Körper nach seinen Vorstellungen gestalten möchte?
>Natürlich gab es trotzdem immer wieder Situationen in denen ich Ohrlöcher abstoßend fand.
>Zum Beispiel die eine Mutter in der Krabbelgruppe, die ich mit meinem Baby besuchte. Eine sehr ungepflegte Person.
>Aber ein riesiges Aufheben um Ohrringe!
>Sie selbst natürlich mehrfach gelocht, und in jedem der mehr oder minder ausgeprägten Schlitzen baumelte ein Ring. Einer scheußlicher als der andere, und Hauptsache dick und klobig und schwer.
>Und dann Krusten an den oberen Löchern, richtig dick und einfach – bäh!
>Und ihre Tochter, grade mal 8 Monate alt, natürlich auch gelocht.
>Aber keine Stecker, nee, baumelnde Kreolen von gut einem Zentimeter Durchmesser!
>Und dann das Betratsche mit anderen Muttis in der Krabbelgruppe, die auch Mädchen hatten, wie wichtig es sei, dass Mädchen Ohrringe trügen, damit sie auch wüssten, dass sie welche seien!
>Und dann wurde den 10, 12, 15 Monate alten Mädchen das gelochte Baby als Beispiel vorgezeigt, und „Schau mal, sieht das nicht toll aus, was die Dings da hat? Wollen wir nicht auch so was haben???“
>Und natürlich kamen früher oder später alle mit Ohrringen an ihren Babys an und übertrumpften sich gegenseitig in den Beschreibungen, wie ihre Kinder fürchterlich geschrieen hatten nachdem der erste Stecker im Ohr war, und mit welchen Tricks bis hin zur Brachialmethode „der Papa hat sie zwischen die Beine geklemmt und den Mund zugehalten, dann traute sich die Verkäuferin endlich dran“.
>Da war ich mir dann doch nicht mehr ganz so sicher, ob Ohrlochstechen nicht doch krank ist…
>Irgendwann wurde mir dann aber bewusst, dass ich nach wie vor der Überzeugung war, dass meine Ohren dringend der Vollendung durch Ohrlöcher bedurften.
>Also ging ich eines Tages forsch in den Piercingladen in unserer Stadt und äußerte den Wunsch nach Ohrlöchern.
>Was für eine Enttäuschung, als mir eröffnet wurde, dass dieser Service nur durch den Chef erbracht würde, und dass der nur an zwei Tagen der Woche in dieser Filiale arbeite.
>Also schob ich es wieder auf die lange Bank, ehe ich mir im letzten Sommer dachte: Jetzt ist es soweit.
>Es war einer der Arbeitstage des Piercers im Ort, und bevor ich losfuhr, sah ich mir noch ein letztes Mal meine ungelochten, unperfekten Ohren im Spiegel an.
>In der Stadt lief ich erst schnurstracks in Richtung des Ladens, ehe mir schlagartig klar wurde, dass ich dringend noch Schnürsenkel vom Schuhladen brauchte, der in entgegen gesetzter Richtung lag.
>Endlich hatte ich die Schnürsenkel, wieder los Richtung Laden. Forsch darauf zu – und schwupps, dran vorbei.
>Mein Herz klopfte so laut, dass ich dachte, alle Passanten würden es hören.
>Also eine weitläufige Runde gemacht durch die Straßen der Stadt.
>Wieder auf den Laden zu. Jetzt aber hinein.
>Aber nein, jetzt waren plötzlich ganz viele Leute im Laden, das geht so nicht.
>Wieder eine Runde gemacht, nicht ganz so weitläufig.
>Wieder auf den Laden zu.
>Oh Schreck, der Piercer steht vor dem Laden und raucht.
>Dass es der Piercer sein muss, ist klar – selten jemanden mit so viel Metall im Gesicht gesehen.
>Willst du das wirklich, dass d e r das macht??
>Wieder abgebogen, eine letzte, enge runde durch die Gassen gemacht.
>Vor einem Schaufenster stehen geblieben und mich in der spiegelnden Scheibe betrachtet.
>Meine Ohren sind so leer. So nackt.
>Ich atme tief ein. Es soll sein.
>Ich gehe auf den Laden zu.
>Der Laden ist leer, der Piercer steht hinter dem Tresen.
>„Ich möchte gerne Ohrlöcher gestochen haben.“ Ich höre mich selbst sprechen, wundere mich, dass meine Stimme so normal klingt, denn das Blut rauscht in meinem Kopf.
>Er lächelt mich an. „Klar, können wir gleich machen. Komm mit.“
>Er geht mit mir ins Hinterzimmer, lässt mich Platz nehmen.
>Redet ganz nett, übers Wetter, die Hitze. Ich frage, ob er glaubt, dass das Wetter hält, wir planen eine Grillparty für den Abend. Er erzählt von seinem Garten, dass er immer erst gießen muss bevor er gemütlich den Feierabend genießen kann.
>Und dann fragt er mich: „Ganz normal ins Ohrläppchen? Beide Ohren!“
>Ja, klar, ich stimme zu.
>Er stellt sich vor den Stuhl, streicht meine langen Haare hinter die Ohren und wischt meine Ohrläppchen mit feuchten Tüchlein ab. Erst das eine, dann das andere. Nein, eigentlich massiert er meine Ohrläppchen, tastet sie genau ab. Dann noch ordentlich von einem Spray auf jedes Ohrläppchen, Vorder- und Rückseite.
>Er streicht nochmals eine Strähne hinter mein Ohr und macht mit einem Stift je einen Punkt auf jedes Ohrläppchen. Dann hält er mir einen Handspiegel vor. Ob es O.K. ist? O.K.? Es ist super. Fast schon perfekt.
>Er hantiert mit dem Rücken zu mir, dreht sich um und kommt mit der geladenen Pistole auf mich zu. Mein Brustkorb platzt gleich, so sehr schlägt mein Herz.
>Er geht leicht in die Knie, schaut auf mein linkes Ohr, führt die Pistole dort hin, schaut konzentriert, ich spüre, wie etwas mein Ohrläppchen berührt, er zielt, sein Handballen berührt meine Wange.
>Er sagt: „Vorsicht, jetzt zwickt’s gleich.“ Und ich höre ein Klacken, er nimmt die Pistole weg und ich spüre - nichts.
>Er dreht sich wieder um, um nachzuladen.
>Leise spüre ich etwas im linken Ohrläppchen.
>Es pocht ganz zart im Rhythmus meines galoppierenden Herzens.
>Er legt seine Hand unter mein Kinn, hebt meinen Kopf an. Seine Hand ist ganz warm. Meine Hände in meinem Schoß sind eiskalt, trotz der Hitze draußen.
>Auch mein rechtes Ohr wird angepeilt, ich fiebere schon der Berührung durch die Pistole entgegen, und noch ehe ich sie richtig spüre ist schon – klack – auch der zweite Stecker an seiner Stelle.
>Der Piercer hält mir den Spiegel vor und ich blicke staunend auf meine beiden pochenden Ohrläppchen, in denen glitzernde Stecker blitzen.
>Perfekt! Sie sind endlich perfekt!
>Ich weine fast vor Rührung, werde mit Pflegehinweisen überschüttet, zahle und taumele hinaus in den gleißenden Sonnenschein.
>Fast kommt es mir vor, als ob ich schwebe.
>Jedes einzelne Schaufenster muss mir als Spiegel dienen.
>Ich bin erleichtert und zufrieden wie selten zuvor. Es ist toll.
>Das Pochen geht zwar in ein Drücken über, das sich binnen der nächsten Tage in das unangenehme Gefühl verwandelt, ein viel zu dicker Gegenstand würde in einem viel zu engen Loch in meinem Ohr immer weiter anschwellen.
>Aber es ist trotzdem – toll.
>Die Löcher heilen ohne Probleme, bald kommt der Tag, an dem ich die Erststecker endlich herausnehmen kann.
>Ich stehe vorm Spiegel und kann mich nicht satt sehen an den wunderhübschen, runden Löchern in meinen Ohrläppchen.
>Sie sitzen genau richtig, sind das i-Pünktchen, das vorher immer gefehlt hatte.
>
>Endlich reiße ich mich los von dem Anblick und schiebe die zierlichen Brilliantohrhänger, die ich mir gekauft habe, durch die Löcher.
>Die Hänger baumeln an meinen Ohrläppchen, ein warmes Gefühl durchströmt mich. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so gut anfühlt, Ohrringe zu tragen.
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