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Indischer Ohrloch-"Stechdrache"

geschrieben von Alwin am 01.12.2000 um 23:32:30 - als Antwort auf: Schwedische Spezialität von Florian
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Die ganze Elektro-Glühdraht (?)-Aktion klingt ja ziemlich technisch. Wurde der Piercing-Schlitz eigentlich quer angebracht??? Und es gibt ja nix Erotischeres als der Geruch von verbranntem Fleisch!
Wenn’s denn wahr ist: Nicht ganz mein Fall!

Da möchte ich doch einen kleinen Ausschnitt aus unserem Piercing-CD-Archiv entgegensetzen.
Es sind die Erinnerungen einer heute nicht mehr ganz jungen aber dennoch sehr attraktiven Interview-Partnerin an ihre eigenen ersten Ohrlöcher, die sie sich in den 70er-Jahren in einem der vielen Indienläden in London machen ließ, und die heute auf schöne runde Löcher von ca. 5–6 mm Durchmesser gedehnt sind, in denen sie natürlich ständig dicke Stecker u. ä. trägt, so daß sie nicht offen zu sehen sind.
Der beschriebene Stechdrache wäre sicher eine exotische Alternative zu den handelsüblichen ”Kurz-und-Schmerzlos”-Stechpistolen vor allem für Do-it-Yourself-Piercer etc., die Wert auf auf stilvolles, ”zielsicheres” und gefühlvolles Piercen legen. Mit dem Vorteil, daß besonders an ”kritischen” Körperteilen Stechfehler und das versehentliche Treffen von Nerven oder allzu schmerzhaften bzw. ungünstigen Stellen etc. rechtzeitig erkannt und ggfs. korrigiert werden könnten.
Auf jeden Fall wäre das Teil aber sicher kein Verkaufserfolg, also nix für STUDEX und Co., und für Hygiene- und Sterilitäts-Fanatiker aller Art ein Horror!

”In dem Indienladen hatte ich damals bereits ziemlich viel Geld für allerlei Fummel, Parfümöle, Räucherstäbchen, Schlabberklamotten und vor allem exotischen Talmi- und Silberschmuck in Form von schweren Halsketten, Armbändern und Gürteln gelassen. Nur Durchsteckohrringe hatte ich noch nicht, obwohl damals Durchsteckohrschmuck immer mehr in Mode kam. Allerdings trug ich oft große angeclipte Ringe. Um sie nicht ständig zu verlieren, hatte ich sie zuletzt ziemlich stramm gespannt, so daß nach dem Abnehmen ziemlich tiefe, gerötete Eindruckstellen in den Ohrläppchen blieben, die oft auch recht wehtaten. Im Gegenlicht erschienen die Eindruckstellen als große helle Punkte, fast wie Löcher.
Als ich eines Tages mal wieder in dem Laden vorbeischaute, wurde ich Zeuge, wie sich eine junge Frau gerade die Ohrläppchen durchstechen ließ. Es wurde dabei nicht eine der damals gerade eingeführten Ohrlochpistolen verwendet, sondern ein Gerätchen, wie ich es bis heute kein zweites Mal mehr gesehen habe. Leider gibt’s den Indienladen schon seit vielen Jahren nicht mehr. Deshalb konnte ich auch nicht mehr nachfragen, und kann das nette Ding nur aus der Erinnerung schildern.
Es war wohl aus Metall (Messing?), hatte die Form eines Drachen, der eine Nadel hält bzw. im Maul ”verschluckt”. Zwischen Schwanzende und Maul bzw. Nadel-Ende des Drachens konnte das Ohrläppchen eingeklemmt werden. Die Stechrichtung konnte dadurch genau bestimmt werden, was nicht nur für den optimalen Sitz großer Baumel-Ohrringe sehr wichtig wäre, wie mir der Ladeninhaber später erklärte.
Nachdem die Nadel an der optimalen Stelle am Ohrläppchen angesetzt war, wurde sie mittels Schraubgewinde(?) langsam durchs Ohr gedrückt. Dabei wurde gleichzeitig mit der Nadel ein dünnes Röhrchen in’s Loch eingesetzt, das auf dem Schaft der Nadel aufgesetzt war. Es hatte die selbe Stärke wie die dickste Stelle der Nadel, konnte also im Gegensatz zu ähnlichen altertümlichen Stech-Gerätschaften ”glatt” durchgeschoben werden, ohne daß eine zusätzliche Verletzung entstand. Nachdem die Nadel ganz durch’s Ohrläppchen gestochen war, wurde das Schraubgewinde-Rädchen zurückgedreht. Nur die Nadel und das Röhrchen verblieb im Ohr. Die lose im Röhrchen steckende Nadelspitze wurde abgenommen, der Durchsteckbügel eines Ohrrings durch das Röhrchen gesteckt, danach das Röhrchen herausgezogen, der Ohrring verschlossen, der nun fest im etwas blutenden Ohrläppchen saß und für mindestens einige Wochen nicht mehr abgenommen werden sollte, damit das Loch nicht zuwachsen konnte.
Die Beobachtung der Ohrringe-Stechaktion hatte mich so fasziniert, daß ich jetzt unbedingt auch Ohrlöcher haben wollte. Zufällig trug ich gerade meine Ring-Clips, die sich tief in meine Ohrläppchen eingedrückt hatten. Der indische Ladeninhaber nahm mir die Clipringe ab und registrierte mit Wohlwollen die tiefen Eindruckstellen. Dann fragte er, ob ich neue Durchsteck-Ohrringe mit dünnen Durchsteckdrähtchen kaufen wollte oder meine dicken Clipringe durchgesteckt tragen wollte. In Indien sei sowas seit Jahrhunderten ganz üblich. Insgeheim hatte ich mir immer schon große Ohrlöcher gewünscht, und so stimmte ich letzterem zu. Er holte die dickste Nadelspitze samt zugehörigem Röhrchen herbei, die er hatte. Sie hatte wohl eine Stärke von ca. 2–3mm. Stechdrache, Nadel und Röhrchen wurden kurz mit der Stichflammme eines Feuerzeugs ”desinfiziert” und mit einem sauberen, wohl in Alkohol getränktem Tuch gründlich abgerieben und im Nebenraum mit kochendem Wasser übergossen, nachdem er sich natürlich vorher auch die Hände gewaschen hatte. Meine Ohrläppchen wurden mit hochprozentigem Alkohol abgerieben. Weil das wegen der strapazierten Clip-Endruckstellen ziemlich brannte, wurden sie nochmal zärtlich mit einem feuchten, warmen Tuch abgerieben. Dann wurde der Stechdrache erst an’s linke Ohr angesetzt. Das kühle Metall fühlte sich an meinem heißem Ohrläppchen sehr angenehm an. Nach einem kurzen Justieren spürte ich, wie sich die Nadel langsam und unaufhaltbar durch mein Ohrläppchen drückte. Wohl wegen der schon vorhandenen Eindruckstellen war’s jedoch trotz der dicken Nadelstärke kaum zu spüren. Es wurde kurz an meinem Ohr hantiert, und schon baumelte der erste Ring im Ohr, nun nicht mehr angeclipt, sondern durchgesteckt! Gleich folgte das andere Ohr. Nach einigen Minuten verließ ich mit geschmückten und sehr heißen Ohren den Laden. Das Baumeln der Ringe war jetzt zwar viel intensiver zu spüren und tat anfangs auch noch etwas weh. Aber ich war unheimlich stolz, daß ich jetzt auch richtig durchstochene Ohrläppchen hatte. Ich trage die Ohrringe von damals gelegentlich auch heute noch und möchte dieses Gefühl nicht mehr missen! Seither sind natürlich noch etliche weitere Ohrlöcher und Piercings hinzugekommen. Aber die Erinnerung an die Stechdrachen-Aktion ist dennoch eine der schönsten!”

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