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Die neue Story
geschrieben von Hackeranwärter 472 am 25.04.2002 um 12:07:11
Da ich immer so einfallslos bin, was Titel angeht könnt ihr gerne welche vorschlagen. Hier ist die Story ohne Titel:
China. An was denkt man da heute? Kommunismus, Akkupunktur, Reis, Süßsauer, gewiefte Händler, die Klänge eines Zupfinstrumentes, welches Töne in Quarten-Intervallen von sich gibt, Karate und viele technische Errungenschaften. Die Krieger denken hier wohl an Schießpulver, die Denker vielleicht eher an die Philosophie. Wieder Andere denken an Kunst und Kultur.
Aber das wohl faszinierendste an China sind seine Menschen. Die Weisheit der Alten, die Lebenseinstellung der Leute, Respekt und Ehre. In den heutigen Großstädten, beeinflußt von unserer westlichen Zivilisation, beherrscht von Kriminalität und Drogenhandel, verschwindet das aber zunehmend. Viele Chinesen sind auch einfach nur böse. Solche gab es schon immer. Schon vor Jahrtausenden.
Weise Leute, die mit all den Kaisern und ihren Marotten, den verdorbenen Leuten und den unnützen Dingen, mit Habgier und Eroberungsdrang nichts zu tun haben wollten zogen sich in die Einsamkeit zurück.
Man sollte meinen, daß das bei über einer Milliarde Chinesen unmöglich ist. Doch China ist ein riesiges Land. Einsamkeit gibt es dort genug. Und die Nachkommen jener alten Einsiedler leben heute noch dort, in den Wäldern und Gebirgen. Abgeschnitten von der Welt kennen diese Leute keinen Streß, keine gesellschaftlichen Probleme und keine Hektik. Sie kennen keine Zivilisation.
Vor zwanzig Jahren lebte ein sechzehnjähriges Mädchen auf diese Weise. Sie kannte nur sechs Menschen: Ihren Vater, sich selbst und die vier Mitglieder der benachbarten Familie. Es waren nur drei Tage Fußmarsch bis zu deren Haus.
Das war Su-Li Fei's Welt. Seit etwa 700 Sonnenzyklen lebten die beiden Familien schon so. Ihre Ahnen hatten sich hier, im Herzen Chinas, zurückgezogen, um dem neuen Wind zu entkommen, der in China einzuggehalten hatte, verursacht durch den Kontakt mit dem mittelalterlichen Europa, der seit Marco Polo bestand.
Die Vorväter waren Freunde gewesen, die mit ihren Familien die Einsamkeit gesucht hatten. Vater, Mutter, Kinder. Der älteste Junge der einen Familie heiratete das älteste Mädchen der anderen, bei den zweitältesten lief es umgekehrt. Die neue Familie setzte dann die Tradition der väterlichen Familie fort. Die anderen Kinder durften keine Familien gründen.
Dieses eherne Gesetz gilt noch heute. Su-Li Fei war dem älteren Sohn der Lan-Familie versprochen. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, weshalb Su-Li ein Einzelkind war. Doch das war kein Problem. Ein Abkommen der beiden Familien sicherte den Fortbestand von beiden in solchen Fällen. Zusätzlich zu ihrer eigenen Familie würde sie auch mit Won, dem jüngeren Lan-Jungen, Kinder zeugen. Er würde sie allein großziehen und in der Tradition seiner Familie unterrichten, während die Kinder ihres Ehemannes, was normal nicht der Fall war, in der Tradition der mütterlichen Familie unterrichtet wurden. Sie mußte beiden Männern zwei Söhne schenken, von denen je einer dann die Reihe fortsetzen konnte.
Nun, sie war erst sechzehn Zyklen alt. Bis zu ihrer Vermählung würden noch zwei verstreichen. Üblicherweise wären es vier, doch da sie die Mutter von zwei Familien sein würde gab man ihr mehr Zeit. Dafür war sie dankbar.
Su-Li Fei war ausgesprochen attraktiv. Ihr pechschwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten, der ihr bis an die Hüfte reichte. Ihr schönes, jugendliches Gesicht brachte ihre klaren, braunen Augen, die die typisch asiatische Mandelform aufwiesen und sich deutlich von ihrem hellen Teint abhoben, hervorragend zur Geltung. Sie wirkte wie eine Porzellanpuppe: Edel, wunderschön, aber auch zerbrechlich.
Sie war sich ihrer außergewöhnlichen Schönheit nicht bewußt; die einzigen Frauen die sie kannte waren sie selbst und Mani Lan, die Mutter der anderen Familie. Die war schon über fünfzig Zyklen alt, und Menschen die alterten verwelkten wie Blumen. Sie nahm an, daß Mani einst ebenso schön gewesen war wie sie selbst, daß alle jungen Frauen so aussehen müßten.
Aber sie hatte Angst vor dem Gedanken, daß sie selbst dereinst verwelken würde. Sie wollte nicht häßlich werden. Sie sprach nie mit jemandem darüber, aber sie fragte sich, ob man das Altern nicht irgendwie aufhalten, die Schönheit konservieren könnte.
Ihr Vater war gestern zu den Lans aufgebrochen. Su-Li würde also die nächsten Tage allein zurückbleiben. Sie würde sich allein um die Tiere kümmern müssen, die den Lebensunterhalt der zweiköpfigen Familie sicherten.
Sie hatte die Ziegen zu einer Waldlichtung geführt, auf der sie hervorragend weiden konnten. Sie betrachtete stolz die kleine Herde. Da stellte sie erschrocken fest, daß ein Jungtier fehlte. Sie machte sich auf die Suche nach dem Kleinen. Nach einiger Zeit, sie hätte die anderen Tiere nicht so lange allein lassen sollen, fand sie es an einem Wasserloch. Erleichtert streichelte sie die kleine Ziege und sprach mit ihr. Doch dann hielt sie inne. Es kam ihr so vor, als würde das Wasserloch sie rufen. Sie sah in das dunkle Wasser, konnte aber nur ihr eigenes Spiegelbild erkennen, dessen Schönheit sie nicht einmal voll begriff. Dennoch wollte sie sie bewahren. Wieder hatte sie dieses Gefühl, als würde sie jemand rufen. Doch da war niemand in der Nähe. Die Jungziege, ein Akazienbusch, das Wasserloch und sie, allein zwischen Bäumen und hohen Gräsern. Dann blieb ihr Blick an zwei Kieselsteinen hängen. Eigentlich waren es normale Kiesel. Doch offenbar hatten sie Kalkeinschlüsse besessen, die ausgeschwemmt worden waren. Am Rand hatten die Steine deshalb jeweils ein Loch mit einem Durchmesser von etwa einer sechstel Fingerbreite. Sie sah wieder ins Wasser. Dann schlug sie ein wie ein Blitz, die Erkenntnis, wie man Schönheit konservierte. Man verzierte den Körper mit unvergänglichem Schmuck. Und das Wasser schien ihr zuzuflüstern, wie das ging. Sie drehte sich nach links und brach zwei Dornen von dem Akazienbusch ab. Sie waren etwa 5cm lang und am hinteren Ende einen viertel Finger dick. Sie dachte nicht einmal daran, wieso sie ausgerechnet das tun wollte, sie tat es einfach. Sie spannte ihr linkes Ohrläppchen mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand und stach mit der rechten eine der Dornen hindurch. Zischend sog sie Luft ein. Es hatte weh getan, aber sie glaubte, endlich die richtige Möglichkeit gefunden zu haben. Und obwohl ihr diese Worte so nie in den Sinn kamen galt für sie: Wer schön sein will muß leiden. Mit dem zweiten Dorn durchstach sie auch ihr anderes Ohr. Das rechte Loch war noch schmerzhafter gewesen. Ihr waren Tränen in die Augen getreten, die sie nun auswischte, um sie nicht zu vergießen. Es brachte Unglück, den Waldboden mit Tränen zu benetzen. Sie begutachtete ihr Spiegelbild im Wasser. Noch nicht perfekt. Doch beim Anblick eines Grases, das einen harten, runden Stengel besaß kam ihr erneut eine Erleuchtung. Sie brach zwei der Halme ab und fädelte sie durch die kleinen Löcher der beiden Kieselsteine. Dann berührte sie einen der Akazienstachel in ihren Ohrläppchen. Es tat weh, aber sie faßte ihn trotzdem und zog ihn heraus. Sie zuckte zuammen und ein kleiner Blutstropfen rann aus dem Loch in ihrem Ohr. Aber sie ließ sich nicht davon beirren. Mit Hilfe des Spiegelbildes fädelte sie einen der Grashalme durch das Loch. Nun konnte sie etwas von dem alten Familienwissen anwenden. Sie verband die Enden des Grases mit einem Knoten, den ihr Vater sie gelehrt hatte. Auf der anderen Seite verfuhr sie genauso.
Als sich das Chinesenmädchen jetzt im Wasser betrachtete war es zufrieden. Sie lächelte. Das Gewicht an den Ohren war ungewohnt, die Grashalme waren in den Wunden deutlich spürbar, aber der leichte Schmerz ließ die Sache erst real werden.
Sie stand auf, sammelte das Ziegenkind ein, das wieder Streunen gegangen war und kehrte zur Herde zurück.
Das sich die Löcher nicht ernsthaft entzündet haben muß wohl an dem starken Immunsystem liegen, das man hat, wenn man, ohne Medizin, in der Wildnis lebt. Jedenfalls trägt die 36-jährige Su-Li, immernoch wunderschön und Mutter von insgesamt zehn Kindern, noch heute Ohrschmuck. Die Gräser erneuert sie zwar ständig, aber die Steine sind noch die alten.
Die anderen Menschen in ihrer Welt empfinden die Steine ebenfalls als schön. Kashui Fei, Su-Lis älteste Tochter, die zwölf Jahre alt ist, bekam kürzlich von ihrer Mutter ebenfalls die Ohren durchstochen. Auch bei ihr wurden die Stiche mit Akaziendornen durchgeführt. Als Schmuck dient ihr aber Ohrgehänge, daß ihr Vater ihr aus dem Stamm eines kleinen Thuja Baumes gefertigt hat. Diese Menschen sind davon überzeugt: Selbst als alte Frauen werden Su-Li und ihre Töchter noch schön sein.
OK. Das war alles. Habt ihr vielleicht Ideen für was neues?
Hackeranwärter 472 (Der Autor)
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