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vor 10 Jahren
geschrieben von Ludger am 03.05.2002 um 21:45:12
Hallo Leute,
bis ich vor wenigen Tagen auf dieses Forum gestoßen bin, dachte ich noch, in meiner Bewunderung für geschmückte Ohren nur einer ziemlich seltsamen Phantasie nachzuhängen. Die vielen guten Beiträge in diesem Forum haben mich vom Gegenteil überzeugt. Besonders gefallen haben mir die persönlichen Geschichten, die erzählt wurden, und darum will ich hier auch meine Euch anbieten. Sie ist bestimmt nichts Extravagantes, einfach nur eine weitere, die vielleicht die Reihe bisherigen weiter ergänzt.
Meine Begeisterung für Ohrringe wurde geweckt, als ein Mädchen in meiner Klasse, in das ich damals hilflos verknallt war, aus den Osterferien mit einem einzelnen Stecker im linken Ohr zurückkam. Dazu muß ich noch sagen, daß das Mitte der 80er Jahre war, so ein unsymmetrischer Ohrschmuck, auch bei Mädels, war zumindest damals in meiner doch konservativen Schule noch etwas ungewöhnlich.
Für die Jungs, und für mich sowieso, war ein Ohrring damals irgendwie undenkbar, aber seitdem hielt ich mehr oder weniger unbewußt immer Ausschau nach Ohren mit Schmuck. Für aufwendige Hänger und ausgefallene Schmuckkreationen konnte und kann ich mich bis jetzt nicht begeistern, aber funkelnde Stecker und einfache glänzende Ringe, da fällt es mir immer schwer, wieder wegzusehen.
Gelegentlich kam dann auch mal der Gedanke hoch, wie das denn sei, selbst mit Ohrring herumzulaufen, aber das war immer kaum mehr als so nur ein Hirngespinst. Weder meine Eltern noch meine Schwestern hatten zudem Ohrringe und bis heute nicht, das Thema war bei uns zuhause einfach nicht existent. Dennoch glaube ich nicht einmal, daß wirklich heftige Ablehnung aufgekommen wäre, wenn selbst ich mal mit der Idee des Ohrlochstechens angekommen wäre. Es war einfach uninteressant in der Familie.
Dann kam der 2. Mai 1992, es war ein Samstag nach dem Maifeiertag. Ich war inzwischen längst von zuhause ausgezogen und hatte meinen Beruf und eigene Wohnung. Schon eine Weile hatte ich damals die Vorstellung, mal was zu verändern an mir, vermutlich, weil ich zu dieser Zeit länger ohne Freundin war und glaubte, das hinge mit meinem Äußeren zusammen. Und so hatte ich mir bei einem ziemlich teuren Friseur für diesen Tag einen Termin geben lassen und kreuzte da dann auch auf, obwohl ich, kaum im Laden, schon wieder konservativer zu denken begann. Die Friseuse war aber echt gut und verfügte, daß meine nackenlangen braven Haare völlig out seien und sie da was besseres wisse. Kurz und ziemlich wild sei angesagt, mit Mühe gelang mir am Ende nur, sie von einer Blondierung abzubringen. Und während ich da nun saß und mich zunehmend kaum wiedererkannte, fielen mir auf, daß die Friseuse im rechten Ohr vier kleine Stecker trug, im linken nur einen einzelnen. Und als hätte sie meine Gedanken erraten kam sie darauf zu sprechen, daß sie sich erst vor kurzem hätte Ohrlöcher stechen lassen. Und sie fände Ohrringe so klasse – übrigens auch bei Männern. Ob das nichts für mich wäre. Vielleicht ist ihr auch aufgefallen, daß ich einen puterroten Kopf bekam, jedenfalls „knetete“ sie mich noch ein wenig, aber ich sträubte mich einzulenken.
Dann war ich fertig, zahlte und ging. Aber irgendwie war ich infiziert. Und so streunte ich noch durch die Fußgängerzone und fand einen Juwelierladen, der auch einzelne Männerohrringe im Schaufenster präsentierte. Das wär’s doch wirklich, so ein Knopf im Ohr, dachte ich. So stand ich da und spähte in den Laden – hielt schließlich die Luft an und ging zur Tür. Eine Frau kam auf mich zu und fragte, was ich wollte. Sie selbst trug mittelgroße goldene Creolen – sie standen ihr einfach traumhaft. Und damit war mein letzter Widerstand gebrochen. Ob man hier Ohrlöcher gestochen bekommen könne, stammelte ich. Für Sie, fragte sie. Ich nickte. Sie grinste mich an, sah offenbar, daß ich weiche Knie hatte und forderte mich auf, mich an einen kleinen Tisch zu setzen, auf dem schon ein Spiegel stand. Dann holte sie eine Kiste mit den medizinischen Steckern und breitet sie vor mir aus, damit ich mir welche aussuche. Wieviele ich denn möchte, wollte sie wissen. Und da, schon völlig in Trance, hörte ich mich sagen, daß ich ein Pärchen möchte. Eine weitere Frau, offenbar die Chefin des Ladens kam dazu und untereinander berieten sie, welche Stecker mir denn am besten stehen könnten. Sie trafen eine Auswahl – ich nickte nur noch. Dann die Frage: Beidseitig? Ich kapierte erst nicht, antwortete dann aber, daß ich sie lieber beide im linken Ohrläppchen hätte. Na, das andere Ohr kommt vielleicht später, meinte die Chefin, Männer dürften glücklicherweise heute alle Varianten tragen.
Mein Ohr wurde also markiert und ich sah die beiden Punkte im Spiegel und nickte wieder. Inzwischen war zudem noch eine ältere Frau in den Laden gekommen, was mir irgendwie peinlich war. Die aber schaute interessiert hin und grinste mich sogar irgendwie ermunternd an. Dann setzte die Verkäuferin zum ersten Mal die Pistole an, forderte mich auf, zu ihr hochzugucken und den Kopf stillzuhalten. Sie drückte ab. Der Piekser löste einen richtigen Adrenalinschub aus. Super, im Spiegel sah ich den goldenen Stecker in meinem Ohr – in MEINEM Ohr. Und schon war die Pistole zum zweiten Mal geladen, und nochmal wurde mein Ohr erst leicht eingeklemmt. Dann klackte es zum zweiten Mal. Im Spiegel sah ich einen faszinierenden Kopf – neue Frisur und Ohrringe. Was und wie ich bezahlte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, auch nicht, wie ich aus dem Juweliergeschäft wieder herausgekommen bin. Ich weiß nur noch, daß ich mir Zigaretten kaufte, mich irgendwohin setzte, rauchte und erst langsam wieder zu mir kam.
Ich habe die Stecker (leider) am Sonntagabend danach wieder herausgenommen. Niemand hat in der Woche darauf die Punkte auf meinem Ohr gesehen, alle waren durch die neue Frisur abgelenkt. Ich weiß nicht, ob, wenn ich die Löcher hätte verheilen lassen, ich heute noch Ohrringe tragen würde. Aber dieses Erlebnis war einfach geil, ich kann allen, die noch zögern, nur raten, sich auch mal Ohrlöcher schießen zu lassen. Ihr werdet es bestimmt nicht bereuen!
Vielleicht mach ich es ja auch noch mal ...
Ludger
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