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Etwas Literarisches
geschrieben von Bernd am 14.04.2000 um 15:25:19
"In einer materialistischen Welt, in welcher die Wissenschaft die Religion
ersetzt hat und Durchgangsrituale [...] fehlen, ist der Körper
geweiht. Die Perforierung eines Organs, sei es nur um ein Schmuckstück
aufzuhängen, kann nicht ohne Bedeutung sein, weder für die sogenannten
primitiven Völker noch für die Teenies [danke] unserer post-modernen
Gesellschaft. Im übertragenen Sinn lebt die magische Absicht des
Piercings fort. Propagiert durch die Zeitschriften und die Mode ist der
Kult des perfekten Körpers (braungebrannt in den Sonnenstudios, gestählt
durch das Bodybuilding) und das Ideal einer unerreichbaren und
illusorischen Schönheit praktisch für jedermann zu haben. Dennoch wird
sorgfältig vertuscht, der Schmerz und der körperliche Verfall
unterdrückt. Dadurch wird aber auch eine grundlegende und wesentliche
Grenze des Menschen geleugnet. Sich durchbohren zu lassen bedeutet sich
mit dem Schmerz wieder anzufreunden. Der Körper wird misshandelt und
erotisiert, er wird gequält und wahrgenommen, es
wird versucht, ihn zurückzuerobern, in der Absicht, eine scheinbare
Kontrolle über die Welt zu erlangen. - Mit dem Zusammenfluss von
Hautzeichen und den Wünschen einer Generation befindet sich das Piercing
in diesem eigenartigen Rahmen, in dem die Mode und die tieferen
Bedürfnisse einer Gesellschaft aufeinandertreffen, wo wesentliche
Zeichen unter trügerischer Oberflächlichkeit gelesen werden können..."
aus: véronique zbinden, piercing: archaische riten und modernes leben.
engerda: arun 1998
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