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Ohrlöcher - was für Gefühle lösen sie aus?
geschrieben von Gefühlsmensch am 11.01.2006 um 10:02:54
1. Die Entdeckung: Es gibt Menschen mit Löchern in den Ohrläppchen
Meine erste Begegnung mit Ohrlöchern hatte ich mit ungefähr viereinhalb Jahren.
Ich erinnere mich noch gut:
Es war Herbst, wir waren auf einer Kirmes, und da sah ich sie – zwei Mädchen, Zwillinge vielleicht, oder nicht besonders weit auseinander im Alter. Sie waren ungefähr gleich alt wie ich und gingen an den Händen einer ernsten jungen Frau in einem hellen langen Staubmantel. Die Frau trug ein dunkles Tuch mit braunem Muster auf dem Kopf, sie hatte es tief ins Gesicht gezogen und von ihren Ohren sah ich nichts.
Die Mädchen trugen augenscheinlich selbst gestrickte Pullover aus flauschigem Acrylgarn, aus genau solchem, alleine vom Anschauen schon elektrostatisch aufgeladenem Garn, wie man es damals, Anfang der 70er Jahre in voluminösen Knäueln in jeder Handarbeitsabteilung eines der großen Kaufhäuser bekam.
Das eine Mädchen trug also einen hellblauen Flauschpullover, das andere einen ebensolchen in zartrosa.
Und alle beide trugen kleine Schlaufen aus ebendiesen flauschigen Garnresten in ihren Ohrläppchen – farblich passend abgestimmt natürlich, das Mädchen mit dem rosa Pullover hatte rosafarbene, das mit dem hellblauen hatte hellblaue Fädchen durch die Ohren gezogen.
So etwas hatte ich noch nie gesehen, denn weder meine Mutter, meine Tanten oder meine Großmütter hatten jemals Ohrringe getragen.
Ich konnte mich nicht satt sehen an den Ohren der Mädchen.
Wie hübsch es aussah. So leichtes, flauschiges, streichelweiches Garn in ihren Ohren. Und unter dem Ohrläppchen hübsch ordentlich mit einem kleinem Abstand zur Rundung des Ohrläppchens doppelt verknotet und sauber abgeschnitten. Wirklich zu hübsch.
Ich glaube, ich träumte oft von den beiden Mädchen und diesen hübschen Fädchen in ihren Ohren.
Wie die Fädchen dort hingekommen waren und wie sie an den Ohrläppchen gehalten hatten, darüber dachte ich zunächst nicht nach, bis wir umzogen und ich in meinem neuen Kindergarten ein Mädchen entdeckte, das Marienkäfer an ihren Ohrläppchen trug.
Ich denke, ich muss sie sehr oft und sehr ausgiebig angestarrt haben. Dabei konnte ich sie überhaupt nicht ausstehen. Denn sie war so geziert in ihrem Benehmen und wollte immer und immer nur „feine Dame“ spielen und sah überhaupt so „entzückend“ aus und ganz und gar wie ein echtes Schneewittchen, geradezu wie aus dem Märchen spaziert, mit ihrer „Haut wie Schnee“ – das behaupteten zumindest die beiden „Kindertanten“, mit denen ich vom ersten Tag an auf Kriegsfuß stand…
Doch an den Marienkäfern an ihren Ohren konnte ich es genau erkennen: Ein goldenes Drähtchen schwang sich vom Kopf des Marienkäfers hoch, vollführte einen Bogen durch ein kleines rundes Löchlein hoch oben im Ohrläppchen, um dann zunächst abwärts und dann wieder nach vorne zurück bis zum Hinterteil des Marienkäfers zu gelangen.
Und dass das Drähtchen wirklich und wahrhaftig durch das Ohrläppchen hindurchführte, konnte ich auch schon bald beobachten. Denn sobald das „Schneewittchen“ nach ihrem geliebten „Feine Damen“ Spiel die Verkleidungssachen wieder über den Kopf zog, kamen die beiden Kindertanten gleich angelaufen und machten ein großes Aufheben um das Mädchen: „Komm, zeig deine Ohrringelchen, wir wollen sie gleich richten, damit du wieder ein hübsches Mädchen bist!“ Und - schwupps – wurden die Marienkäferchen, die mutwillig zur Seite standen und aussahen, als würden sie gleich brummend abheben, wieder ordentlich gerade gerückt und das Drähtchen je nachdem ein Stückchen weiter in das sich dunkel weitende Löchlein hinein geschoben oder herausgezogen.
Nun wusste ich also um den Umstand, dass manche Menschen Löcher in den Ohrläppchen trugen, doch wie sie dort hineingekommen waren, darüber machte ich mir keine Gedanken.
Bis ich in die Schule kam und dort ein Mädchen entdeckte, das ziemlich große goldene Ringe in den Ohren trug, nun, so riesig wie manche jungen Mädchen heutzutage Kreolen tragen, waren sie nicht, aber sie hatten ungefähr den Durchmesser eines Zweimarkstücks und waren an ihrer dicksten ungefähr so dick wie eine Häkelnadel. Wirklich beeindruckend.
Nun war es so, dass dieses Mal nicht nur ich ganz fasziniert war von den Ohrringen dieses italienischen Mädchens, sondern eigentlich fast alle – sämtlich ungelochten – Mädchen in meiner Klasse. Wir hatten eine ziemliche Scheu vor ihr, denn sie war bestimmt einen Kopf größer als die größte von uns – kein Wunder, denn sie war nach dem Zuzug aus Italien kurzerhand in die erste Klasse gesteckt worden, obwohl sie wahrscheinlich vom Alter her eher in die dritte oder vierte gehört hätte.
So dauerte es fast bis zum Beginn der zweiten Klasse, ehe wir uns ein Herz fassten und gemeinsam zum Angriff übergingen. In einer Hofpause an einem warmen Sommertag setzten wir uns mit unseren Broten zu dem Mädchen auf die Mauer, wo sie immer alleine saß, und die mutigste von uns fragte sie die schier unaussprechliche Frage aller Fragen: „Wie hast du die Löcher in die Ohren bekommen?“ Und kaum, dass sie das herausbekommen hatte, quetschte sie noch atemlos hinterher: „Hat das s e h r wehgetan???“
Das Mädchen lachte, legte kokett den Kopf in den Nacken und warf mit einer schwungvollen Handbewegung ihr dichtes braunes Haar zurück. Und der Ohrring schaukelte vor und zurück in ihrem Ohr und glitzerte verführerisch, und ihr gesamtes Ohrläppchen schaukelte mit dem Ohrring vor und zurück. Und wir sahen überdeutlich den kleinen schwarzen Strich der von weit oben im Ohrläppchen gute eineinhalb bis zwei Millimeter herunter lief bis zu der Stelle, wo der goldene Draht des Ohrrings durch das Ohrläppchen führte und dann sahen wir, wie der Ohrring in seiner Schwingung den schmalen Strich weitete und zu einem großen schwarzen Loch öffnete.
Wir standen wie die Kaninchen vor der Schlange, wussten kaum, wohin schauen – auf ihr seltsam deformiertes Ohr oder doch lieber an ihren Lippen hängen, von denen hoffentlich jede Sekunde d i e Antwort kam??
Doch das Mädchen lachte nur und meinte, die Ohrlöcher hätte ihr wohl ihre Großmutter gestochen, damals, zuhause, als sie noch ein ganz kleines Baby gewesen war. Und ob es wehgetan hätte, daran könnte sie sich nun wirklich nicht erinnern. Und dann nahm sie den Ohrring mit zwei Fingern und zog ihn nach hinten weg und vergrößerte das Loch zu einem schier unglaublichen Umfang und versuchte uns damit klar zu machen dass die Löcher jetzt überhaupt nicht mehr weh taten, ganz egal wie wild sie daran herumzerrte.
Zum Glück klingelte es in diesem Moment zur nächsten Stunde und wir Mädchen erwachten aus unserer Schockstarre und stakten in den Unterricht.
Nie wieder haben wir Mädchen aus meiner Klasse danach über Ohrringe oder Ohrlöcher gesprochen.
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