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Weshalb - Die Frage, die Piercloch aufwarf...
geschrieben von Gefühlsmensch-in am 15.11.2006 um 12:15:00
In dem Sarah-O-Connor-Strang schrieb Piercloch:
>Weshalb sind wohl alle hier Versammel-
ten so auf "Ohrlöcher" fixiert? Ist
das eine schon in den Genen verankerte
"Leidenschaft", oder stecken irgendwelche
"Schlüsselerlebnisse" dahinter? Was ist
Eure Meinung zu dieser Frage?
Hallo Piercloch,
seit ich deine Fragen gelesen habe, habe ich oft darüber nachdenken müssen.
Ich weiß nicht, inwieweit du meine Vorgeschichte, die ich unter dem Namen Gefühlsmensch gepostet hatte, mitverfolgt hast.
Ich habe erst seit letztem Jahr dauerhafte Ohrlöcher, nach vielen, vielen Jahren des Wunsches nach Ohrlöchern und nach einigen mehr oder minder zielführenden Versuchen.
Ja, was ist es, das mich schon so lange, man könnte schon fast sagen, immer an Ohrlöchern so fasziniert hat?
Nun, in meiner Familie waren Ohrlöcher tabu.
Ich hatte weder Mutter, Tante noch Großmutter, die Ohrringe in Ohrlöchern trugen. Abgesehen von Ohrclips und faszinierend aussehenden Schraub-Ohrhängern, die meine Mutter zu besonderen Anlässen anlegte.
Ungefähr im Kindergartenalter habe ich dann die ersten Erinnerungen an Ohrlöcher bei Gleichaltrigen.
Das gab es damals, Anfang der Siebziger, nur sehr selten, eigentlich fast ausschließlich bei Migrantenkindern.
Zuerst überwog die kindliche Neugierde, dann der Grusel, als mir klar wurde, dass diese Kinder wahrhaftig ein Loch im Ohrläppchen hatten.
Ich war ungefähr zwölf, dreizehn, als die Innovation der Ohrlochpistolen wie eine Welle bei uns anbrandete. Anfangs kamen die Mittschülerinnen fast wöchentlich mit frisch geschossenen Ohrlöchern.
Egal, wie beschissen die klobigen Stecker aussahen, was habe ich sie beneidet, und wie sehr wollte ich zu ihrem erlesenen Kreis gehören.
Die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse genießen, später Ohrringe tauschen...
Aber meine Eltern haben es mir verboten.
Die Tatsache, dass sie es mir damals verboten haben, finde ich im Rückblick nicht schlimm. Denn wollte ICH wirklich Ohrlöcher haben - oder wollte ich nur genauso sein wie alle anderen? Eher letzteres.
Was aber schlimm war, waren die Argumente meiner Eltern.
Null rational, sondern vorurteilsbeladen, unsachlich und plakativ überzogen.
Standardsatz meines Vaters: "Ein anständiges Mädchen hat so was nicht" und "nur Flittchen tragen Ohrringe" und überhaupt, sich Löcher in den Körper stechen zu lassen sei "absolut krank".
Zur Abschreckung wurden auch gerne sämtliche "gefallenen Mädchen" der näheren und weiteren Bekanntschaft als Beispiel herangezogen.
Klar, die waren ja auch "völlig verdorben", hatten wechselnde Freunde mit Mopeds, liefen aufreizend in Jeans (!!) herum - da waren die Ohrringe und vor allem die dazugehörenden Ohrlöcher geradezu das öffentlich sichtbare Schandmal.
Tja, und all das sollte natürlich für mich, das "anständige deutsche Mädel" absolut tabu sein. Dem Mantra der Gehirnwäsche wurde auch gerne mal mit Nachdruck mehr Geltung verschafft - komisch, dass ein "anständiger deutscher Mann" seine Tochter nicht herschlagen sollte, das war in das Weltbild meiner Eltern nicht eingedrungen.
Wie jedes Mädchen versuchte ich, bei meiner Mutter Verständnis zu wecken, als sich herauskristallisierte, dass mit meinem Vater da kein Weiterkommen zu erreichen war.
Aber auch meine Mutter wollte mich unbedingt von meinem Wunsch nach Ohrlöchern abbringen und erzählte mir zu diesem Zweck eine absolute Horrorstory, keine Ahnung ob sie wahr war oder erfunden. Sie erzählte mir jedenfalls in allen blutrünstigen Einzelheiten (weshalb ich dazu tendiere, die Geschichte als erfunden anzusehen), wie ihre eigene Mutter als kleines Mädchen gegen ihren Willen Ohrlöcher verpasst bekommen hatte.
Vielleicht hätte meine Mutter nicht allzu farbig auf die Details eingehen sollen - egal, der Effekt ihrer Geschichte war jedenfalls völlig kontraproduktiv, denn ich war faszinierter denn je von der Vorstellung Ohrlöcher zu haben. Wenn auch nun mit deutlich verschärftem Gruselfaktor.
Der Wunsch nach Ohrlöchern schwelte in meiner gesamten Teeniezeit unter der Oberfläche. Ich weiß nicht, wie viele selbst-Stech-Versuche mit allen möglichen und unmöglichen Hilfsmitteln es gab und wie viele Abdeckstifte ich zum Übertünchen der winzigen, natürlich immer schmucklos gebliebenen Löchlein verbraucht habe.
Irgendwann wirkte die Gehirnwäsche meiner Eltern. Ich hielt mich für krank - was ich vielleicht sogar war, denn sich ständig Löcher in die Ohren zu stechen, also von meinem heutigen Wissenstand aus sieht das doch schon sehr nach selbstverletzendem Verhalten aus.
Irgendwann habe ich mir selbst verboten, Ohrlöcher haben zu wollen. Ich war sogar ziemlich überzeugend darin, vorzugeben, dass ich Ohrlöcher nicht schön finden würde, wenn eine Freundin oder ein Freund nachfragte, warum ich keine hatte.
Aber immer mal wieder waren da Phasen, da wünschte ich sie mir dann doch mehr, als mein Verbot wirkte.
Als ich heiraten wollte, zum Beispiel.
Ich stellte mir vor, dass ich wunderschön aussehen würde als Braut, wenn ich Ohrringe trüge.
Aber mein Mut fehlte mir damals.
Fünf Jahre später, ich hatte mittlerweile den Kontakt mit meinen Eltern abgebrochen und fühlte mich nicht mehr beeinflusst von ihrem kruden Weltbild, habe ich mir das erste Mal professionell Ohrlöcher stechen lassen.
Und zwar nicht, weil ich so sein wollte wie irgendeine Peer-Group, und auch nicht, weil ich unbedingt anders sein wollte, als meine Eltern oder sonstwer mich haben wollte, sondern einzig und allein deswegen, weil mir meine Ohrläppchen ohne Ohrlöcher nackt und leer und unfertig vorkamen. Und weil ich endlich die Ohrläppchen haben wollte, die richtig und passend für mich waren.
Nämlich welche mit Löchern.
Leider hatte ich damals Pech. Eine üble Entzündung beendete das Experiment.
Und nicht nur das, ich behielt einen komischen Knubbel in dem einen Ohrläppchen zurück. Solange der da war, traute ich mich nicht an einen neuen Versuch.
Aber als im Frühjahr des letzten Jahres der Knubbel auf einmal verschwunden war, sah ich das als Zeichen, es noch einmal zu versuchen.
Und diesmal hat es geklappt.
Das Gefühl des Stechens kannte ich ja schon. Wobei das Schießen mit der Pistole ja noch mal was ganz anderes ist, wie das selbststechen.
Das Gefühl, dauerhaft die Stecker in den Ohren zu tragen, während sich um sie herum der Hautschlauch bildete, war dann ganz neu.
Am Anfang konnte ich mich kaum sattsehen an meinen Ohren. Das war ein ganz besonders glücklich machendes Gefühl.
Die erste Zeit habe ich dann nur kleine, leichte Ohrhänger und Creolen getragen. Schließlich hatte der Piercer mich darauf hingewiesen, dass meine Ohrläppchen nicht nur klein und kaum ausgeprägt und daher die Löcher schwierig zu platzieren gewesen waren, sondern dass sie auch sehr dünn und daher nicht allzu belastbar für schweren Ohrschmuck seien.
Seit ein paar Monaten teste ich nun, wie ich größeren, baumelnden Ohrschmuck vertrage.
Ich hätte nicht gedacht, dass sich ein schwingender Ohrhänger, der bei jeder Bewegung des Kopfes das Ohrläppchen mitschaukeln lässt, so sinnlich anfühlen kann.
Nun, das ist es, was ich bei meinen Ohrlöchern fühle.
Aber warum das so ist?
Ich habe schon vermutet, dass ich in meinem Bestreben, ja nicht zu werden wie meine Eltern, eventuell wie ein falsch gepolter Pawlow'scher Hund genau das gemacht habe, was sie mir verbieten wollten.
Ins Fleisch gestochener Protest sozusagen: "Seht her, ich bin KEIN anständiges, stramm treu-deutsches Mädel - die Erziehung meiner Eltern hat null gefruchtet!!!"
Hmmm. Das wäre nicht sehr angenehm für mich, oder? Das würde ja bedeuten, dass meine Eltern mich immer noch manipulieren - nur mit entgegengesetzten Vorzeichen, sozusagen.
Andererseits habe ich bei einem meiner seltenen zufälligen Zusammentreffen mit meinen Erzeugern gesehen, dass sich beide (!!) auf ihre alten Tage noch Ohrlöcher haben stechen lassen.
Und das, nachdem sie mir nahezu ein Jahrzehnt lang das absolute Gegenteil vorgebetet hatten.
Also doch eine Frage der Gene, die auch in ihnen irgendwann übermächtig ans Tageslicht drängten??
Keine Ahnung.
Im Grunde genommen auch egal für mich.
Solange ich mich gut fühle, mich gut finde, ist doch alles in bester Ordnung!
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