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Re: La boucle et la marque de Patrizia Ciambelli 2. Teil
geschrieben von Gefühlsmensch-in am 03.12.2006 um 17:11:00 - als Antwort auf:
La boucle et la marque de Patrizia Ciambelli von Gefühlsmensch-in
Frauen, die Ohrlöcher stachen
„In meinem Dorf wandten sich diejenigen, die nicht den Mut hatten, die Ohren ihrer eigenen Töchter zu durchstechen, an eine Frau, die ein wenig von Allem machte: eine Heilkundige, sie konnte den „bösen Blick“ abwehren, durchstach die Ohren, bereitete die Beerdigungen vor. Man gab ihr den Beinamen Cerasara, von cerasa, der Kirsche.“ (Aussage, Sant'Elpidio, Rieti 1995).
In den Vereinigten Staaten schließen die Dienstleistungen, welche Entbindungskliniken anbieten, das Ohrlochstechen für die Mädchen und die Beschneidung für Jungen ein. In den argentinischen Kliniken haben alle kleinen Mädchen die Ohren von einer Spezialistin durchstochen. Dies ist eine Leistung, die man zusätzlich anbietet, genauso, wie die Köpfe aller Babys zu rasieren, Mädchen und Jungs, damit die Haare besser wachsen und nicht gelockt seien, „que no hacen remolinos“, wie es eine Informantin ausgedrückt hat, die aus Buenos Aires stammt und heute in Frankreich lebt. Keine natürlichen Ringellocken, keine krausen Haare – „es ist schöner und man sieht den Kopf besser, wenn es Milchschorf gibt“ – aber metallische Ringe, einzuführen in die gelochten Ohren der Mädchen.
In unseren Tagen bekommen in Italien wie in Frankreich die Mehrzahl der Mädchen ihre Ohrlöcher in einem Zeitraum zwischen der Geburt und dem Teenager-Alter. In den äußeren Bezirken Roms bleibt diese Praxis allgemein gebräuchlich: Die Paare im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren lassen regelmäßig bei ihren Kindern, Mädchen und Jungen, Ohrringe einsetzen bevor sie zwei Jahre alt sind. „Ich arbeite im Einzugsbereich mit Kindern einer großen Fläche, ich habe regelmäßige Kundschaft und infolgedessen sehe ich dass die Kinder, selbst die kleinen Jungen, ab der Geburt einen Ohrring tragen wie ihr Vater. Bezüglich der Mädchen, sie haben alle zwei Löcher oder sogar mehrere und sie sind bedeckt von Schmuckstücken. Die Mütter ziehen ihnen ein Haarband an, ein Armband mit kleinen Korallenperlen, Kettchen, goldene Anstecknadeln für das Lätzchen, Anhänger und Broschen mit dem Vornamen; schließlich altmodischen Schmuck, den man nicht mehr sieht.“ (Aussage, Rom 1994)
Die Umfragen zum Stechen der Ohrlöcher, welche wir in den Grundschulen in Frankreich und Italien durchgeführt haben, um mengenmäßige Daten zurückzuerhalten, haben gezeigt dass die Mädchen zwischen acht und zehn Jahren fast alle durchstochene Ohren hatten. (4)
Der Brauch, sich die Ohren zu durchstechen, hat über eine lange Periode ein Schattendasein geführt, da sie als echtes soziales Merkmal angesehen wurde, eine „gewöhnliche, niedrige Angelegenheit“, welche die armen Leute, die Dummen und die Bauern machten. (5) Aber, nach einem Versatz von ein oder zwei Generationen haben die Frauen, die derzeit zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahre alt sind, wieder damit begonnen, sich die Ohren zu durchstechen. Zur gleichen Zeit wurden die Ohrringe der Großmütter, „mit Loch“, und ganz allgemein antike Schmuckstücke wieder in Mode gekommen. Die Juweliere haben Kopien dieser Schmuckstücke hergestellt, die man heute auch in der Produktion von billigem Modeschmuck wieder findet. Viele Frauen konnten dadurch ein Schmuckstück wieder finden, welches sie nicht besaßen, aber von dem sie sich erinnerten, es an der Kette der Großmutter baumeln gesehen zu haben oder von den Ohren der Urgroßmutter auf dem Bild im Familienalbum. „Als meine Großmutter mir es angeboten hat, habe ich mit den Worten abgelehnt, ich würde niemals Ohrringe „mit dem Loch“ anlegen, danach habe ich es bereut, aber es war zu spät. Glücklicherweise sind sie wieder in Mode gekommen und ich habe mir ein sehr ähnliches Paar von meinem Mann schenken lassen. (Aussage, Toulouse 1994)
Es ist etwa zwanzig Jahre her, als Parfümerien und Juweliere Schilder ausgestellt haben, auf denen stand „Hier macht man Ohrlöcher“, und sie haben sich mit Instrumenten ausgestattet, deren Einträge ins Wörterbuch uns den unheimlichen Wortschatz wiedergeben: Pistole, Tacker, Entsteiner/Entkerner, Zange, Nadel, Ohrwurm, Pfriem, rotglühendes Metall. Im Allgemeinen ist es der Schmuckhändler, der mit einer Pistole, welche den Ring direkt in das Ohrläppchen einführt, eingreift (72 % der positiven Antworten), nachdem er gut ausgemessen und den genauen Punkt mit einem Stift auf beiden Ohren angezeichnet hat. Man findet gleichermaßen, in der Reihenfolge der Nennungen, die Parfümverkäuferin, den Arzt und die Angestellte der Schmuckabteilung in einem großen Geschäft. Diese modernen Leute beiseite lassend, haben wir festgestellt, dass einige Personen sich an andere Praktiker gewandt haben. Eine unserer Gesprächspartnerinnen hat uns erklärt dass die Idee, zu einem Schmuckhändler zu gehen, „um sich das Ohr mit einer Pistole stechen zu lassen und der Gedanke an den Stoß, der mit Gewalt durch das Ohr geschossen wird“ für sie unerträglich waren und sie es vorgezogen hat, eine Freundin zu fragen, „die wusste, wie“, um es zu machen. Diese hat hinter das Ohrläppchen ein Stück Kork gehalten, und, nachdem sie das Ohrläppchen etwas gerieben hatte, es ihr mit der verjüngten Spitze eines Ohrrings durchgestochen. Eine andere Frau, neapolitanischer Herkunft, hat mit einer traditionellen gesellschaftlichen Schicht, einer traditionellen Welt anknüpfen müssen, um diese Operation zu ertragen. „Ich bin in die alten Viertel der Stadt gegangen, da, wo es eine Frau gab, die den kleinen Mädchen die Löcher machte, eine alte Ohrenstecherin, die es mir mit einem Ring machte. Ich habe nichts gespürt, habe dort keine Entzündung gehabt, das ist sehr sanft gewesen.“ (Aussage, Neapel 1994)
Diese Leute sind Frauen, denen man ein Wissen zuschreibt, „sachkundige Frauen“, oder, wie es eine andere Frau gesagt hat, „Ohrenstecherinnen“. Sie wissen, wie man mit dem Körper hantiert und handeln oft im häuslichen Umfeld, manchmal in einem Krankenhaus, wie wir in der Einführung gesehen haben.
Aber die Operation kann auch von den Nächsten vorgenommen werden, manchmal zu nahen, wie im Fall der alten Italienerin von neunzig Jahren, der ihre Mutter die Ohren mit Nähzeug durchstochen hat. Hören wir uns einen Abschnitt ihres Berichts, aufgenommen 1995 in ihrem Dorf in den Abruzzen an: „Bevor man sie mit der Nadel durchstochen hat, hat meine Mutter mir einmal drei Löcher in ein Ohr gemacht, als ich drei, vier Jahre alt war. Sie hat nichts hineingetan, sie hat nur ein wenig gerieben und die Nadel hineingesteckt; einerseits musste sie mehrere Male hindurch und es tat so weh, dass ich mich noch erinnere. Sie hat den Faden darin gelassen und, als es besser ging, hat sich das manchmal entzündet, dann tat man den Ring hinein [..] diejenigen, die keine Ringe kaufen konnten, behielten den Faden, damit sich das Loch nicht wieder verschloss.“
Im Dorf konnte es auch die Haushälterin des Pfarrers sein, „die eine spezielle goldene Nadel dafür hatte“. Die Technik der Nadel und des Fadens ist fast überall in Europa bezeugt: man sterilisiert die Nadel im Feuer, man gibt Äther oder etwas Kaltes auf das Ohrläppchen und man durchsticht es, einen weißen Faden aus Baumwolle oder Seide einführend, der von kleinen goldenen Ringen oder durch echte Ohrringe ersetzt werden würden. „Ich erinnere mich, dass es Mädchen gab mit einem Faden im Ohr und auch um das Handgelenk. Ich hatte auch eines, ein rotes. Außerdem trug man eine aufgenähte Schulterbinde im Inneren der Weste, man hatte überall Fäden.“ (Aussage einer Frau sardischer Herkunft, Rom 1994)
Die Erinnerung an die Gewalt, welche sie durch ihre Mutter zu erleiden meint, hat sich unauslöschlich ins Gedächtnis einer anderen Gesprächspartnerin, geboren in einem Dorf der Provinz Rieti, eingegraben. „Ich war drei oder vier Jahre alt, ich wollte mir nicht die Ohren durchstechen lassen, aber andererseits wenn man das nicht mit einem Mädchen machte, dann war das etwas, was nicht ging. Eines Tages haben meine Mutter und eine Nachbarin mich gefangen um mir die Ohren zu durchstechen, ich habe gebrüllt, ich war terrorisiert, ich erinnere mich noch; ich habe versucht, mich zu wehren, unmöglich, ich sehe mich noch, eingeklemmt zwischen den Beinen meiner Mutter. Sie hat mich mit einer Haarnadel gestochen, wie ein Schwein. (6) Die kleinen Ohrringe habe ich dann anbehalten bis zu meiner Hochzeit.“
Auch wenn der Brauch, Ohren zu durchstechen, sich in bestimmten Schichten wieder vollständig etabliert hat, so gibt es in anderen Fällen eine offensichtliche Schwierigkeit, eine Beklemmung, es zu erlauben, vor allem, wenn es sich um die eigenen Töchter handelt. Mehrere Frauen haben sich geweigert, die Ohren ihrer Töchter durchstechen zu lassen, weil sie ihnen „nicht weh tun“ wollten, weil sie „Angst hatten, sie leiden zu lassen“. Die gleichen Frauen haben trotzdem nicht widersprochen als ihre Töchter – selbst im Alter von vier oder fünf Jahren – ihnen die Erlaubnis abverlangten, sich die Ohren durchstechen zu lassen, meist weil eine Tante, ihre Patentante oder ein anderes Familienmitglied als Vermittlerin auftrat. Es muss festgehalten werden dass dies gewöhnlich an einem anderen Ort und zu einem anderen Zeitpunkt geschah, meist während der Ferien. Diese Frauen, denen ihre eigenen Mütter die Ohren nicht durchstochen hatten und die sich zu einem späteren Zeitpunkt freiwillig dafür entschieden hatten, wollten ihren Töchtern nicht „das machen“ lassen: „Ich wollte nicht, dass man ihr etwas in den Körper einsetzt, ich habe mir gesagt, dass es an ihr ist, diese Entscheidung später mal zu treffen, man muss es machen, wenn man größer ist.“ (Aussage, Toulouse 1994)
Ihre Ängste sind bezeichnend für die Nebenbedeutungen, die mit der Operation verbunden werden: ein schmerzhafter Akt, der den Körper in seinem Inneren markiert und eine körperliche Gewaltanwendung umfasst. Man muss „das Alter haben“, damit man Ihnen auf diese Weise „etwas in den Körper“ tut. Diese Gewalt ist angesehen wie eine sexuelle Gewalt und eine der Frauen, mit denen wir in Verbindung getreten sind, hat sogar das Durchstechen der Ohren mit der Beschneidung assoziiert: „Ich bin gegen Durchstochene Ohren, besonders bei kleinen Mädchen. Warum nicht auch einen Ring durch die Nase, so wie bei den Kühen? Als ich erlebte, wie die kleinen Mädchen beim Schmuckhändler schrieen, denn ich habe sie gehört, im Hinterzimmer des Schmuckladens. Nun weniger, jetzt, weil man sie betäubt, aber früher hat man sie schreien gehört, weil sie nicht wollten. Und ich habe mir gesagt: „Sie machen sich nicht bewusst, dass sie das genauso machen, wie man Tiere markiert!“ Wenn sie es machen möchten, sehe ich da keinen Hinderungsgrund. Aber was ich nicht zulasse, ist dass man es ihnen aufzwingt. Es ist das gleiche wie mit der Beschneidung. Es ist natürlich weit weniger gravierend in den Auswirkungen, aber im Grunde ist es genau die gleiche Handlung.“ (Aussage, Toulouse, 1994)
Diese Mädchen haben aber trotz allem um jeden Preis sich die Ohren durchstechen lassen wollen, um Ohrringe zu tragen, um schöner zu sein, um sich schon wie Frauen zu fühlen. Es ist auffallend festzustellen, dass die Mehrzahl dieser [eine Regel] übertretenden Mädchen an Allergien gegen Ohrringe leiden.
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