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Re: La boucle et la marque de Patrizia Ciambelli Teil 3

geschrieben von Gefühlsmensch-in am 03.12.2006 um 17:57:00 - als Antwort auf: La boucle et la marque de Patrizia Ciambelli von Gefühlsmensch-in
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Spiegel

„…Glanz und Schein, von mir zu dir, von dir zu mir, und nur für uns zwei, hin zum Spiegel und zurück zu uns, ohne Antwort, ohne Lösung. Deine roten und vollen Lippen. Nein, es sind die meinen. Wie sie sich ähneln! Die gleiche Frisur, der Glanz und der Schein, es sind wir!“ (T. Vesaas, 1985)

Der Brauch, sich ein weiteres Loch an einem oder zwei bereits durchstochenen Ohren hinzuzufügen, verdient eine besondere Erläuterung. „Ich hatte meine Ohren mit siebzehn Jahren durchstochen… Mein zweites Loch habe ich zusammen mit einer Freundin L. gemacht. Nachdem wir ein Examen an der Universität bestanden hatten, sind wir zu einem Silberschmied gegangen, der uns das rechte Ohr durchstochen hat, alle unsere Freundinnen haben ein weiteres Loch auf der Rechten… Das dritte Loch und weitere, die man hinzufügen will, kann man sich auch alleine machen lassen, indem man nur einmal Stechen bezahlt und einen einzelnen Ohrring. Die Prozedur hat sich auch verändert: Zuvor benutzte man die kleine Pistole und man musste den Ohrring in die Pistole einlegen, nun gibt es eine Kassette aus Plastik mit dem Ohrring darin und nichts muss mehr angefasst werden: das ist weil wegen AIDS die Hygieneregeln geändert wurden.“ (Aussage, Rom, 1993)

Dieses Problem stellt sich nicht für Piercingringe, die in ein Nasenloch oder, seltener, in die Augenbraue, die Zunge oder unter die Unterlippe gesetzt werden. (7)

Augenscheinlich akzeptieren die Juweliere nicht, ein Paar Ohrringe einzeln zu verkaufen, selbst wenn es zwei Kunden gibt, die den Preis teilen möchten und die Leistung des ergänzenden Lochs. Dafür müssen sie sich einer gesellschaftlichen Regel beugen und einer immer mehr verbreiten Mode, die will, dass man so viele Löcher hinzufügt, bis man einen Halbmond aus kleinen Steinen, Ringen und Sternen das ganze Ohr entlang zusammenstellt. Nach „dem ersten Mal“, wo man normalerweise beide Ohren durchsticht, sind die anderen bedeutungsvollen Momente des Lebens (zum Beispiel die erzwungene Abkehr, die eine mehr oder minder lange Trennung mit sich bringt, ein schulischer oder beruflicher Erfolg) markiert durch asymmetrisches Stechen, die den Erwerb anderer Ohrringe folgen lässt, die Einzelstücke bleiben werden.

Oder diese Asymmetrie beginnt als Folge einer anderen Symmetrie, dieses Mal zwischen zwei Personen, im Allgemeinen zwei sehr engen Freunden. Über den Umweg dieser Handlung, die eine Freundschaft zusammenscheißt und ein Paar entstehen lässt, bringt man sich in die Position eines Doppelgängers, man verstärkt den Prozess der Identifikation mit dem anderen. Die psychologische Herausforderung übersetzt sich in den Plan der äußeren Erscheinung der Ähnlichkeit und der Annäherung, der sich auf dem Körper abzeichnen soll: Der eine will das Abbild des anderen sein, aber ein verblendetes Spiegelbild, das nicht das eigene Bild wieder spiegelt an Stelle des Bildes des anderen. Die Spiele der Erscheinung folgen strikten Regeln, welche die beiden Partner durch die Markierung des Körpers einander gleich machen („Ich habe es mir rechts gemacht weil meine Freundin es rechts hatte.“), das Teilen des gleichen Schmuckstücks und das Aufteilen der Ausgabe („Wir haben zwei kleine Brillanten gekauft, einen für jede von uns und haben halbe-halbe gemacht.“), das Gefühl einer schmerzhafteren Prüfung („Das erste Mal habe ich fast nichts gespürt, aber beim zweiten Loch hatte ich Schmerzen.“) Und so, wie man nach und nach Löcher entlang der Ohrmuschel hinzufügt, steigt der Schmerz.

Diese Einführung in den Schmerz, mehrmals wiederholt, begleitet sich folglich mit einer Beziehung welche, ohne die alten Rituale der „Blutsbrüderschaft“ heraufzubeschwören, trotzdem, in dem Umfeld das uns interessiert, ihre einzige Rechtfertigung in der „reinen“ Freundschaft zwischen zwei jungen Leuten – Mädchen oder Jungs – findet, die einander gleichen möchten.

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