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Re: War das in den 50er-Jahren wirklich so?
geschrieben von birgit am 19.07.2009 um 01:39:02 - als Antwort auf:
War das in den 50er-Jahren wirklich so? von Kalixt
| | Erstaunliches kann man in alten Benimmbüchern lesen:
"Ohrringe sind eine heikle Angelegenheit. Ohrklips wirken wegen ihres exotischen Charakters oft geschmacklos.
Auf keinen gilt es heute als fein, wenn das Ohrläppchen zur Aufnahme eines Ohrgehänges durchstochen wird, weil es unnatürlich und unzweckmäßig ist. Wenn man jedoch bei älteren Damen noch das durchstochene Ohr sieht, so ist das natürlich, denn man haut vor einigen Jahrzehnten eben noch häufig die Mädels der heute allgemein abgelehnten Operation unterzogen. Wenn die älteren Damen dem gegenwärtigen Empfinden von Schönheit und Zweckmäßigkeit Rechnung tragen wollen, tun sie gut daran, die alten Ohrringe nicht mehr zu benützen, sondern einen jetzt gebräuchlichen Ohrklips anzulegen."
aus:
Kamptz-Borken, Walther von: Der gute Ton in allen Lebenslagen, Verlag Oskar Andreas, Wien 1951. |
Hallo,
1951 war ich zwar bestenfalls noch nicht Planung. Von den 60ern, die den 50er nicht unähnlich waren, habe ich jedoch ausreichend mitgekriegt. Auch habe ich Dein Textzitat in ähnlicher Form auch schon in anderen "Benimm-Büchern" gelesen, sinngemäß auch in moderneren.
Das wäre auch schon ein Teil der Antwort:
In "Benimm-Ratgeber-Büchern" steht eben nun mal nur drin, was für "feines Benehmen" in entspr. "feinem" Umfeld ratsam ist.
Naturgemäß ist dies eine Umgebung mit reduzierter Lebensäußerung, also sog. "bessere Gesellschaft" und (eher Bürobereich-) Berufsleben. Diesbezüglich, d.h. in puncto Schmuck und sonstigem Outfit, hat sich ja bis heute nicht viel geändert, wenn Du mal irgendwelche "seriöse" Firmen u.Ä. von innen gesehen hast, in denen es je nach Laden ganz einfach nur "dezent"-spießig-konventionell-kotzfad-pseudoseriös zugeht. Zumindest in puncto Fassade/äußerem Erscheinungsbild.
Ohrschmuck in den 50er-70er-Jahren:
Ganz so schlimm war es außerhalb "geschlossener seriös-autoritärer Gesellschaften" wie z.B. Firmen, Behörden, akademischen und kirchlichen Einrichtungen tatsächlich natürlich nicht. Andernfalls wären auch Beiträge wie in Deinem Zitat nicht erschienen, und der Autor hätte sich nicht so vorsichtig ausgedrückt.
Durchstochene Ohrläppchen und zugehöriger Ohrschmuck waren zumindest im städtischen Umfeld tatsächlich eher selten.
Traditionell eher auf dem Land oder bei weniger "feinen" Leuten, die keine "Benimmbücher" kannten, war es nach wie vor üblich, dass Mädchen spätestens im Schulalter Ohrringe gestochen bekamen (wie z.B. ich). Das machte damals ganz selbstverständlich fast jeder Juwelier. Auch war es bei eher traditionell veranlagten Eltern nicht unüblich, dass Mädchen schon im Babyalter ihre Ohrringe gestochen bekamen.
Natürlich war der Ohrschmuck schon mangels anderem Angebot sehr dezent und nicht zu vergleichen mit heute:
Selbst kleinere oder "auffälligere" Creolen-Ohrringe wurden vom Normalbürger abschätzig eher als Attribute von Prostituierten, Schaustellern, Zigeunern oder Urwald-Negern angesehen. Kleine Creolen und größere Gehänge wurden bestenfalls von Mädchen und Frauen mit südlicher Herkunft getragen (ital. und span. Gastarbeiter bzw. entspr. Herkunft), zu sehr festlichen Anlässen oder eben im Fasching (als Plastik-Clips), wo frau sich mal als "rassige Spanierin" verkleiden konnte.
Dass Clips lt. Deinem Zitat schon in den 50ern verbreitet waren, ist mir neu:
Die kamen eigentlich eher erst in den 60ern und 70ern auf. Dann jedoch als oft eher klotziger "billig-bunter" Modeschmuck in Plastikausführung, oder halt irgendwelche hässlich-dezenten Perlclips.
In den 70ern wurden jedoch mit Einführung der Ohrlochpistolen nach und nach auch wieder auch durchstochene Ohrläppchen "gesellschaftsfähig" und dank Nachholbedarf und entspr. werblicher Unterstützung der Frauenzeitschriften und einiger Showfrauen (Madonna, Nena) spätestens ab den 80ern auch reichlich praktiziert, inkl. Mehrfach-Ohrlöcher, was vorher natürlich völlig undenkbar und "shocking" gewesen wäre.
Piercing und Tattoo gabs natürlich auch schon vorher, wenn auch nur selten und schon aus juristischen Gründen (Körperverletzung etc.!) "im Geheimen" oder bei gesellschaftlichen Außenseitern, und wurde erst ab den ca. 90ern zur Modeerscheinung, sicher nicht nur weils ein gutes Geschäft für die Anbieter war...
Zum Zeitverständnis der 50er bis 70er-Jahre:
Wer zu dieser Zeit nicht selbst als etwas unkonventionellerer Mensch (wie z.B. ich) gelebt hat, wird für die heutige Retro-Begeisterung mancher (jüngerer) Leute kaum Verständnis haben:
Es war eben trotz allem "Wirtschaftswunder" immer noch bis weit in die 70er-Jahre Nachkriegszeit.
Optisch und größtenteils in den Köpfen der damaligen Erwachsenenwelt.
Umfeld und Lebensart dieser Zeit entsprach ungefähr der ehem. DDR bis min. zur Wende, die auch noch jüngere (westliche) Zeitgenossen aus eigener Anschauung kennen könnten:
Also obrigkeitsstaatliches, konservativ-konventionelles anpasserisches Denken und Verhalten der meisten Leute. Oberstes Prinzip: Bloß nicht auffallen. Mit einem Wort: Normalerweise kotzfad.
Wie auch in Deinem Zitat steht, musste nach einem zerbombten Europa zumindest nach außen hin alles "modern", "normiert", "korrekt", "fortschrittlich" und "zweckmäßig" sein, wie es ja auch schon in der Hitlerzeit vorgezeichnet wurde. Auch diesbezüglich hat sich zumindest im Berufsleben besonders in Großfirmen bis heute nicht viel geändert, und wurde z.T. eher schlimmer.
Dass in einem solchen Umfeld kein Platz für "exotisches" Outfit, und sei es nur etwas auffälligerer Schmuck und Kleidung oder gar "Körperverstümmelung" wie durchstochene Ohrläppchen war, ergibt sich zwangsläufig.
Die Masse der Bevölkerung konnte damit sowieso nichts anfangen, sofern sie überhaupt etwas von nicht-deutsch-konventionellen Lebensformen mitgekriegt hatte. Das wäre damals dank geringer Medienwelt auch nur schwer möglich gewesen: Es gab im Gegensatz zu heute nur 1-2 Fernsehprogramme, nur wenige Zeitungen und Zeitschriften und teure Bücher.
"Exotisches" gabs bestenfalls nur in der Schlagertexte-Traumwelt oder real im Fasching oder bei den paar Hippies, Indienfreaks und "Gammlern", die es damals in Mitteleuropa gab.
Wenn Du mehr wissen willst:
In der sehr schön gestalteten und detailliert geschriebenen
CD "Lust auf Piercing" (ist in der Ohrlochforum-Homepage vorgestellt) steht übrigens auch viel Interessantes zur Entwicklungsgeschichte von Ohrschmuck und Piercing, auch seit der Nachkriegszeit und früher, was man trotz unzähliger WEBsites zum Thema nicht im Internet findet. Einfach beim Autor nachfragen, obs die CD noch gibt.
Liebe Grüße
Birgit
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