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Wie ich zu meinen Piercings kam…

geschrieben von daniel am 21.05.2010 um 11:28:08
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Schon in meiner Jugend fand ich Piercings, damals vor allem noch in der Form von Ohrlöchern, absolut cool. Es sollte jedoch noch viele Jahre dauern, bis ich mich traute, meinen Traum umzusetzen. Die Faszination wuchs mit der Zeit immer mehr – und wie bei einer Sucht blieb es dann nicht bei einem Loch, sondern es wurden immer mehr. Kaum frisch gestochen waren meine Gedanken schon bei dem nächsten Wunsch. Die ganze Geschichte möchte ich hier nun erzählen:

Das erste Mal kam ich mit Ohrlöchern bei Jungs in der 8. Klasse der Realschule in Kontakt. Einer der Mitschüler kam dort nach den Sommerferien mit einem kleinen silbernen Ring in seinem linken Ohrläppchen zum Unterricht. Einige Monate später kam eines Morgens der nächste mit einem dicken Hängering im Ohr, den ihm sein Vater gestochen habe. Über das Schuljahr hinweg ließen sich noch zwei andere ihre Ohrläppchen lochen. Bei einem bekam ich es in life mit, wie er während einer Pause von zwei Mädels, die eine ganze Reihe Ohrlöcher hatten, einen Stecker ins Ohr gedrückt bekam.

Insgeheim fand ich das extrem genial und wünschte mir im Traum seit damals auch immer einen kleinen Ohrstecker, traute mich jedoch nie, das meinen Eltern gegenüber zu erwähnen. So blieb mir immer nur meine Sehnsucht. Nach der mittleren Reife wechselte ich auf ein berufliches Gymnasium, wo die Ohrloch-Dichte deutlich zunahm. In meiner Klasse hatte über die Hälfte der Jungs ein Ohrloch. Einer hatte zwei Löcher: im unteren zwei mittel-große Ringe und in dem darüber einen kleinen Glitzerstecker. Ein anderer hatte im linken Ohr 6 kleine Stecker den Rand entlang und dazu einen wenige mm kurzen Haarschnitt. Wie ein Zwillingspaar war dazu unser einziges Mädel in der Klasse, die ebenfalls einem mm-Schnitt hatte und in beiden Ohrläppchen mehrere kleine Ringe trug. Einer der eher ruhigen / schüchternen hatte sich kurz vor dem Abi beim Friseur einen flotten Haarschnitt mit reichliche Farbe und dazu ein Loch machen lassen, in dem er später einen goldenen Ring trug.

Noch immer traute ich mich nicht, mir ein Ohrloch machen zu lassen. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie denn das Stechen vonstatten gehen sollte. Als ich mich auf die schriftliche Abiturprüfung vorbereitete, waren meine Geschwister mit meinen Eltern eine Woche im Urlaub. Ich blieb allein zuhause, da ich noch einiges zu lernen hatte. Am nächsten Morgen fasste ich all meinen Mut zusammen und ging in die Stadt. Bei einem kleinen Juwelier fragte ich nach Ohrlöchern und der ältere Herr holte lediglich mit der Nachfrage, wie alt ich sei, sein Werkzeug. Aufgeregt setzte ich mich auf den angebotenen Stuhl. Auf die Frage, welche Seite sagte ich schnell links – zu der Zeit war das Motto 'links cool, rechts schwul' in aller Munde. Er packte seine Sachen aus, wischte das Ohrläppchen ab und mit einem kleinen Klack war der Stecker schon in mein Ohr platziert.

Somit hatte ich mein erstes Ohrloch, das ich ausgiebig im Spiegel bewunderte. Auf dem Heimweg kam ich noch an einem kleinen Tee-Laden vorbei, die in der Auslage verschiedene Ohrringe im Angebot hatten. Ich holte mir für ein paar Mark einen kleinen silbernen Ohrring und steckte ihn sorgfältig in den Geldbeutel. Zuhause angekommen bewunderte ich zuerst den goldenen Stecker, wollte den dann aber gegen den Ring wechseln. Das Herausnehmen nach den knapp zwei Stunden war kein Problem – nur bekam ich den Ring nicht in das Loch. Ich fädelte ihn von vorne ein und fand aber das Austrittsloch nicht mehr. Eine Ewigkeit probierte ich herum – auch einmal von hinten nach vorne – keine Chance. Nach einer Weile wollte ich gerade aufgeben, als ich im letzten Anlauf nochmals herumstocherte und diesmal den Draht hinten spürte – ich hatte das Loch wieder gefunden und konnte mich nun das erste Mal mit einem Ohrring bewundern.

Ich trug den Ring bis zum nächsten Tag, bevor ich ihn wieder herausnahm – es war wie zuvor, dass ich mich nicht traute, mit den Ohrloch meinen Eltern gegenüber zu treten. In den nächsten paar Tagen verheilte das problemlos und auch die Kruste fiel rechtzeitig wieder ab. Nach dem Abi ging ich zum Bund. Ich hatte mir vorher überlegt, in der Zeit dort ein Ohrloch machen zu lassen, was aber auch nicht ging, da tagsüber zur Uniform kein Schmuck erlaubt war. Gegenüber der Schule hatte sich jedoch die Ohrlochdichte wieder erhöht; einige Kameraden hatten dort eine ganze Reihe von Löchern in Ihren Ohrläppchen. Die meisten machten sich auch immer zum Wochenende hin ihre ganzen Ringe wieder rein. Manch einer bekam beim Morgenappell am Montagmorgen einen Anschiss verbunden mit 10 Liegestützen vor der versammelten Mannschaft, wenn er vergessen hatte, seine Ringe wieder raus zumachen. Zwei Kameraden hatten sich auch schon tätowieren lassen – der eine einen farbigen Delphin auf das Schulterblatt, der andere ein Tribal auf dem Oberarm.

Bei einer abendlichen Fernsehrunde kam einmal eine Dokumentation über ein Piercing-Studio und in Großaufnahme wurden verschiedene Piercings – also der Stechvorgang derselben – gezeigt. Ein Kamerad hatte ein Bodyart-Magazin in der Stube liegen lassen, das ich ausgiebig durchlas. Der Trend zu mehr Körperschmuck war bei der Jugend angekommen. Auch großflächige Tattoos waren kein negatives Zeichen aus dem Knast mehr, sondern modisches Accessoire – man denke nur an die vielen Arschgeweihe vor allem bei den Mädels. Aber noch immer war ich ohne eine so genannte Bodymodification und hatte nicht ausreichend Mut, so etwas durchzuziehen. Ich hatte weniger vor dem Stechen lassen angst, sondern eher von der Abheilzeit und natürlich auch vor der Reaktion meiner Eltern, wenn sie es denn entdecken würden.


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